The Thames project (complexe 2)

photography and the flow of time

  • ausgestellt in der Galerie Walter Storms, München, 2008 (Auszüge)
  • verlegt bei/published by Thames & Hudson Ltd., London UK


Übersicht der Bilder (Auswahl)


Dem antiken Philosophen Heraklit wird eine Überlegung zugeschrieben, nach der ein Mensch nicht zwei Mal in denselben Fluss steigen könne. Die kontinuierliche Fließbewegung des Wassers, somit seine Veränderung unter dem Parameter der Zeit, sorge dafür, dass sich der Fluss ständig erneuere und insofern in jedem Moment ein anderer wäre – auch wenn er als Konstante in der Landschaft, in die er sich fügt, wie der gleiche Fluss aussehen mag.

Mit einem vergleichbaren Problem sieht sich konfrontiert, wer einen Fluss auf ganzer Länge photographieren will. Dabei handelt es sich natürlich weniger um eine logische, als vielmehr um eine logistische und insbesondere ästhetische Herausforderung. Im Mai 2006 begannen Stephan Kaluza und seine beiden Assistenten mit der Realisierung dieses Vorhabens und wanderten von der Quelle der Themse, die sich über eine Länge von 346 Kilometern durch den Südosten England erstreckt, auf der Südseite des Ufers flussabwärts bis zur Mündung und von dort aus auf der gegenüberliegenden Seite wieder zurück, dabei stets die Kamera in der Hand und das gegenüberliegende Ufer im Visier. Die Mündung, als derjenige Ort, an dem ein Fluss gemeinhin sein natürliches Ende findet, verschiebt sich durch die zirkuläre Bewegung in den Mittelpunkt des Werkes. Wenn der Flusslauf es nicht anders zuließ, wenn das Ufer streckenweise unzugänglich war, stiegen sie auf Boote um, von denen aus sie ihre Arbeit fortsetzten; ein Bild nach dem anderen, immer mit derselben Kamera, immer mit einem 55s Millimeter Objektiv, dessen Blickfeld der menschlichen Sicht am nächsten kommt, und ohne Stativ. Diese (selbst auferlegte) Beschränkung bei der Wahl der Ausrüstung, die auf technische Finesse verzichtet, beruht auf einer bewussten (konzeptuellen) Entscheidung, die die Aufmerksamkeit auf den kreativen Prozess richten will und den Bezug () zum Körper und seiner Wahrnehmung sucht. Auf diesem Weg, und über einen Zeitraum von vier Monaten, entstand ein Konvolut von rund 30 000 Photographien, die digital zu einem Kontinuum von 5000 Metern Länge und einer Höhe von 15 Zentimetern montiert wurden. Der Titel: „The Thames Project (complexe 2)“.

Die Maßlosigkeit dieses Unterfangens impliziert dabei eine ganz praktische Notwendigkeit, die gleichzeitig ästhetisches Programm ist und ein Hinweis auf das künstlerische Anliegen Stephan Kaluzas. Trotz des immensen Umfangs geht es ihm vor allem um einen Prozess der Reduktion, der Komprimierung von Raum und des Kondensierens von Zeit durch das Medium der Photographie. Denn mit zunehmender Breite des Flusses rückt das gegenüberliegende Ufer immer weiter in die Ferne, ändert die Themse folglich nicht nur ihr empirisches Aussehen, sondern auch ihr photographisches Abbild. Während sie auf dem ersten Drittel der Strecke noch so schmal ist, dass die gegenüberliegende Uferregion auf Grund der geringen Distanz detaillegetreu festzuhalten möglich ist, erweitert sich das Blickfeld der Kamera mit ihrem Anschwellen vor London und vervielfacht schließlich seinen Einzugsbereich da, wo sich der Fluss ins Meer verliert. Mit zunehmender Länge der montierten Bildstrecke ändert sich somit fast unmerklich auch der Charakter des photographischen Bildes. Für den photographischen Prozess bedeutet dies, dass der Rhythmus des Auslösens von dem Lauf des Flusses bestimmt wird; die Themse selbst den Takt diktiert. Zunächst lagen nur wenige Schritte und Sekunden zwischen den einzelnen Aufnahmen. Im Bereich der Mündung trennt die Positionen des Photographen dagegen nicht nur ein signifikant weiterer räumlicher Abstand, sondern auch eine entsprechend größere zeitliche Distanz.

Gleichzeitig verschieben sich die landschaftlichen Proportionen innerhalb des Werkes, verlangen die ersten Kilometer quantitativ erheblich mehr Aufnahmen und nehmen daher auch mehr Platz in Anspruch als die letzten. Zu dieser medialen Verzerrung der Proportionen kommt ein weiterer künstlerischer Verfremdungseffekt, eine Entzerrung, die aus dem gewundenen Flussbett eine vollständig begradigte Horizontale macht.


In der Montage werden diese Diskrepanzen zunächst unsichtbar und verschmelzen zu einem künstlichen, nur vermeintlich einheitlichen Zeit-Raum, der seine Risse verschweigt. Anders als bei einer konventionellen 360 Grad Photographie, die mit einer auf diese spezifische Bildform ausgerichteten Technik nahtlos einen kreisrunden Ausschnitt aufzeichnet, ist die Geschlossenheit der panoramatischen Anlage hier das Ergebnis einer digitalen Inszenierung, eine medial mehrfach gebrochene Illusion, die die Wahrnehmung des Betrachters auf die Probe stellt. Und so macht erst eine eingehende Betrachtung die subtilen jahreszeitlichen Wechsel der Vegetation und des Wetters, die Wechsel der Perspektiven und der Proportionen sichtbar. Nicht zuletzt lässt sich auf der Strecke auch eine Art zivilisatorischer Zeitsprung beobachten, der die Landschaft im Bereich der Quelle mit den anliegenden Dörfern und dem London des frühen 21. Jahrhunderts verbindet. Auch in diesem Sinne ist „The Thames Project (complexe 2)“ () eine photographische Langzeitbeobachtung.

Der Effekt scheint ein filmischer zu sein, der den Sonnenaufgang langsam zur Abenddämmerung werden lässt – und zwischendurch ein Regenschauer einsetzen kann. Doch während der Film seine Photogramme in einem zeitlichen Nacheinander und in so hoher Geschwindigkeit projiziert, dass deren Wechsel für das menschliche Auge unsichtbar wird und durch die Überblendung der Bilder auf der Netzhaut eine fließende Veränderung (und Bewegung) entstehen lässt, stehen die Einzelbilder hier als Folge nebeneinander. Keine Schnitte setzen Akzente und lenken den Blick des Betrachters. Die vertikalen Ränder () der einzelnen Sequenzen, die als Zäsuren nicht nur den räumlichen, sondern auch einen diskreten zeitlichen Ausschnitt definieren, verschwimmen zu einem Kontinuum. Der Mechanismus der Geschwindigkeit (), als konstitutive Bedingung des filmischen Bildes, wird aus den Angeln gehoben, gleichsam entschleunigt und in eine () Simultaneität übertragen, die den Fluss wie angehalten wirken lässt. Geschwindigkeit spielt hier nur noch als die Bewegung des Betrachters vor dem Werk eine Rolle; wobei diese in einem quasi „reduzierten“ poetischen Spannungsverhältnis zu der des Photographen bei der Arbeit steht. Stephan Kaluza ist es um eine photographische Strategie zu tun, die die Möglichkeit der Wiedergabe eines Objektes erprobt, dass sich seiner Größe wegen dem für das Medium der Photographie charakteristischen Moment verweigert. (Er fordert die Photographie heraus:) Es geht ihm um das Ganze – und das gleichzeitig.  

Mit ausreichendem Abstand könnte man nun den gesamten Fluss auf einen Blick sehen. Um aber ein einziges Bild mit einer solchen Ausdehnung betrachten zu können, bedürfte es einer Entfernung, die das Werk unsichtbar werden ließe. Insofern ist die Notwendigkeit der Wahl von Ausschnitten für die Präsentation, wie auch für diese Publikation, konstitutiver Bestandteil des künstlerischen Konzepts. Die hier gewählten 400 Meter ergeben, in einer auf 9 cm Höhe reduzierten Fassung, einen Umfang von rund 280 Seiten. Aus dem Nebeneinander der Bilder wird ein komprimiertes Übereinander und aus dem Abschreiten des Betrachters im Ausstellungsraum ein Blättern im Buch. Trotz dieses verhältnismäßig kleinen Ausschnitts bleibt der Charakter des Werkes erhalten. Wenn eine Doppelseite zu Beginn nur wenige Meter des gegenüberliegenden Ufers zeigt, öffnet sie zur Mitte hin, im Bereich der Mündung, den Blick auf eine mehrere Kilometer umfassende Horizontlinie, um gegen Ende wieder zu der Nahsicht zu gelangen, die bereits die ersten Bilder prägte. Und so endet das Buch, entgegen seiner linearen Struktur, gleichsam an der Stelle, an der es begonnen hat

Es ist noch nicht allzu lange her – als England und Kontinentaleuropa auf dem Höhepunkt der letzten Eiszeit eine zusammenhängende Landmasse bildeten – dass die Themse ein Nebenfluss des Rheins war. Und so ist nicht nur eine konzeptuelle Verwandtschaft zu dem vorangegangenen photographischen Projekt „complexe (1) – rhein“ zu konstatieren, sondern in gewisser Weise auch eine prähistorische geographische Nähe der beiden Objekte in Erinnerung zu behalten, die Stephan Kaluza zum Gegenstand seiner Arbeit gemacht hat. Was die beiden Flüsse trennt, ist demnach weniger der Raum, als vielmehr die Zeit.