„Das Schlachtfeld-Projekt“ (complexe 11)

ausgestellt im Kai 10, Arthena Foundation, Düsseldorf
verlegt im Dumont-Verlag, Köln

Übersicht der Bilder (Auswahl)

 

«Stephan Kaluza: Schlachtfelder ohne Pathos»

 

Von der Komplexität eines Ortes kann man sprechen, wenn dieser Ort

  • eine für die menschliche Sicht besonders große physische Ausdehnung besitzt (Flüsse, Landmassen, Ozeane)
  • eine besonders komplexe naturelle Struktur aufweist (z.B. Ökosysteme, Soziosysteme)
  • der Ort einer nachhaltigen Handlung und somit Bedeutung war

Die menschliche Geschichte machte viele Orte zu bedeutungsvollen Orten. Im neutralen Sinne fallen ebenso menschliche und wie auch naturelle Katastrophen unter diese Begrifflichkeiten; ehemals simple Ortsbezeichnungen wie Tschernobyl, Ausschwitz und Guantanamo Bay konnotieren heute eher die Bedeutung dieser Orte als deren schlichte geographische Bezeichnung. Die Ereignisse, die an diesen Orten stattfanden, machten diese Plätze zu Symbolen einer allseits gegenwärtigen Geschichte.
Insbesondere die Schlachtfelder im Verlauf der menschlichen Geschichte nehmen als Symbol eine große Präsenz ein; auch der nicht so Geschichts-Bewanderte ist mit Ortsbezeichnungen wie Waterloo und Marathon vertraut, sei es, weil die eine als Synonym für –Niederlage- steht, sei es, weil man nach der anderen eine populäre Sportart benannt hat. Im Abstand der zeitlichen Entfernung lesen sich die Ereignisse wie „mathematische Formeln“; die Schlacht von Lepanto und der daraus resultierende Sieg des Okzident über den Orient, Pearl Harbor und der Beginn des Pazifischen Krieges, die Landung in der Normandie und das sich anbahnende Ende der NAZI-Herrschaft in Europa, die irakische Invasion und der Sturz eines diktatorischen Regimes, usw.. Diese Neutralisierung des zeitlichen Abstandes nimmt den stattgefundenen Dramen vor allem - die Trauer. – Auch wenn die jeweils nationale Heroisierung den Opfern dieser Ereignisse den notwendigen Trost gab, so geschah auf den tausenden von Schlachtfeldern dieser Welt vor allen anderen Dingen zunächst das eine, - es wurde zumeist sinnlos gestorben und die Größe der geschichtlichen Bedeutung konkurriert in trauriger Weise mit der Anzahl der massenhaft Getöteten.


Jedoch steht das Pathos der Schlachtfelder in keiner Relation zu ihrer sichtbaren Erscheinung. Wäre das Löwenberg-Denkmal nicht in Waterloo errichtet worden, so würden sich die Äcker, Wiesen und Felder des ehemaligen Schlachtfeldes in keiner Weise von denen der benachbarten Ortschaften unterscheiden. So wie heute die Insel Salamis bei Athen einen heruntergekommenen industriellen Stadtteil beherbergt, so wenig ist der Gegend südlich von Cambrais anzusehen, dass die Schlacht an der Somme dort mehr als 100 000 Menschenleben forderte; - die Bedeutungen all dieser Schlachten liegen nicht in einer womöglich-sichtbaren und ebenso landschaftlichen-dramatischen Physis, sondern in unserem geschichtlichen und damit auch kulturellen Verständnis; nicht zuletzt von dort entnehmen wir die Rechtfertigung dieser Ereignisse. „Der Krieg ist der Vater der Kultur“ tituliert Will Durant in seinem Vorwort zu „The Story of Civilization“ (Simon & Schuster, New York, 1930) und stellt dar, dass die Besitztümer und Errungenschaften einer Kultur sich nur in einer formativen Wehrhaftigkeit nach außen behaupten konnten.
Der Idee, Schlachtfelder zu umwandern und sie in ihrer Gänze zu fotografieren, liegt eben dieser Gedanke zugrunde: die Bedeutung der stattgefundenen Ereignisse in ihrem ureigensten Kontrast zu einer unspektakulären, ja mitunter auch langweiligen Umgebung zu zeigen; - eben diese Schlachten in ihrer „tieferen“ Wahrheit zu zeigen und nicht in einer (wie früher oft üblichen) kulturverordneten Dramaturgie des Pathos. – Ein Pathos, das auch in heutigen Berichterstattungen nicht ausbleibt, es kennt wohl jeder die wie Science-Fiction anmutenden Bilder aus den Afghanistan – und Irak-Einsätzen, die sowohl in einer modernen Bild-Weise verherrlichen als auch ebenso menschliches Leid verheimlichen.

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